Menschen, Schicksale, Pianos – Teil 1

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Menschen, Schicksale, Pianos. Teil 1 Aeham Ahmad, Neil Tarabulsi
Syrien, Damaskus – Umayyad Moschee

Vom Ende der Normalität und dem Beginn eines außerordentlichen Werdegangs

Wir alle haben die Bilder vor Augen – von zerstörten Städten und Menschen, die die Grausamkeit des Krieges am eigenen Leib erfahren. Von jenen, die zum Bleiben verdammt sind, und jenen, denen es gelang, zu fliehen, die Furcht im Nacken, die Sorge um die Zurückgebliebenen in den Augen und Herzen. Hinter ihnen die zerstörten Städte Syriens, zu deren bekanntesten wohl Homs und Damaskus zählen. Vor ihnen die Ungewissheit, wie es weitergehen wird, was sie erwarten und hoffen dürfen. 

Viele Flüchtlinge aus Syrien erfahren Hilfe und sind dankbar dafür, auch wenn alles schleppend, langsam, bürokratisch zugeht in den Ländern, in denen sie Aufnahme finden. Sie erhalten eine Bleibe, Kleidung und Nahrung. Andere leben nahezu namenlos als Vertriebene oder Flüchtlinge irgendwo in Europa. Wenige erfahren besondere Aufmerksamkeit. Mit zweien möchten wir diese kleine Beitragsreihe über außergewöhnliche Schicksale und Pianos beginnnen. Denn genau das verbindet sie: die Herkunft aus Syrien und ihr Flüchtlingsstatus einerseits. Ihr Talent und ihre Liebe zur Klaviermusik, die zu einer wichtigen Wende in ihrem Leben geführt haben, andererseits.

Vom talentierten Studenten zum „Pianisten in den Trümmern“: Aeham Ahamd

2014 in Jarmuk: Aeham Ahmad hat drei Jahre zuvor sein Musikstudium in Homs beendet. Jetzt sitzt der Musiker an einem schlecht gestimmten Klavier, das blecherne Töne entlässt. Ahmad singt eigene Texte zur Pianomusik. Seine Stimme klingt rau, ein wenig zu dünn und zu leise. Nichts passt hier zusammen, keine Harmonie stellt sich ein. Doch genau deshalb ist alles so stimmig. Denn Ahmad sitzt nicht in einer der Konzerthallen von Damaskus. Sondern in den Trümmern und im Staub von Jarmuk. 

Wovon seine Musik und seine Worte erzählen, versteht nur, wer hier zu Hause ist oder war. Aber den Schmerz darin fühlt und versteht jeder. Und jeder weiß: Lange wird es nicht mehr gut gehen. Ein Musiker wie Ahmad ist dem IS, der Jarmuk 2014 bereits umschließt, ein Dorn im Auge.

Jarmuk, das ist vor Beginn des syrischen Bürgerkrieges ein damaskischer Stadtteil, in dem rund 150.000 Menschen leben, überwiegend Palästinenser, von denen viele bereits in den 1950er Jahren angekommen sind. Auch Aeham Ahmad ist hier aufgewachsen. Hier entdeckte er seine Liebe zum Klavierspiel, früh gefördert vom blinden Vater, der selbst Musikinstrumente baute. 

2006 bis 2011 studierte Ahmad in Homs. Dann brach der Bürgerkrieg aus. 2013 sind von den 150.000 Bewohnern Jarmuks nur noch 16.000 übrig. Krieg und Vertreibung, Hunger und Zerstörung haben sich breitgemacht. Anstatt zu fliehen, tut Ahmad etwas Unerwartetes, aus Sicht der zerstörungswütigen Fanatiker Ungehöriges: Er lädt sein Klavier auf einen Anhänger und spielt vor den Trümmern von Damaskus. Für die Armen, für die Kinder, für all jene, die nicht mehr fliehen konnten. Und vielleicht auch für sich selbst. Im Frühjahr 2015 ist Jarmuk dann vollständig unter der Kontrolle des IS. Es gibt kaum noch Hoffnung, zu entkommen. Aber Ahmad fühlt den innigen Wunsch des Pianisten, dem Irrsinn seine Normalität entgegenzusetzen. 

Das Wunderkind aus Homs: Neil Tarabulsi

2006, als Ahmad in Homs, der Millionenstadt, sein Musikstudium aufnimmt, ist Neil Tarabulsi gerade mal drei Jahre alt. Niemand aus der Familie hat zu diesem Zeitpunkt die geringste Ahnung, welches Talent in dem Jungen schlummert. Es dauert weitere drei Jahre, bis der Junge findet, was ihn von da an nicht mehr loslassen soll: ein elektronisches Keyboard, auf dem er sich selbst das Klavierspielen beibringt. 

Von Vorteil ist ihm dabei sein ausgezeichnetes Gehör und sein ausgeprägter Wunsch, ein großer Pianist zu werden. Und ein Video-Kanal, der hierzulande eher für Entertainment denn für ein intensives Studium steht: YouTube, auf dem Neil sich an- und abschaut, wie die großen Pianisten Beethoven, Chopin oder Mozart zum Klingen bringen. Die ganz großen Pianisten, denen er – wenn alles so weitergeht wie bisher – in naher Zukunft wohl das Wasser reichen wird. 

Flucht und Ankunft in Deutschland

2015 ist für Neil und Aeham das entscheidende Jahr. Der Junge aus Homs und der Musiker aus Jarmuk müssen ihre Heimat verlassen. Ihre Städte werden nach wie vor umkämpft. Aeham befindet sich zudem im Visier des IS, dessen Schergen ein allgemeines Musikverbot aussprechen. Fassungslos muss er mit ansehen, wie sein Klavier verbrannt wird. Die Bedrohung rückt ihm näher auf den Leib. Ahmad wagt die Flucht über die Balkanroute nach Deutschland, kommt in München und schließlich in Wiesbaden unter. Neil findet zunächst Aufnahme in Rumänien. 

In München „verpassen“ sich der angehende und der studierte Pianist aus Syrien nur um eine kurze Zeitspanne. Während Aeham Ahmad, dessen Karriere fast durch einen Granatsplitter in der Hand zerstört wurde, seine Konzertätigkeit wieder aufnimmt, wird in Rumänien ein Geschäftsmann auf das außergewöhnliche Talent von Neil Tarabulsi aufmerksam. Gemeinsam mit einem deutschen Geschäftspartner beschließt er, Neil zu helfen und bringt ihn zum Vorspiel in die bayerische Landeshauptstadt. 

Zwei syrische Pianisten, zwei unerwartete Wendungen

Im Dezember 2015 ereignet sich im Leben von Neil und Aeham Ahmad etwas, wovon sie ein Jahr zuvor wohl kaum zu träumen gewagt hätten. Der zwölfjährige Neil beginnt ein Studium an der Münchner Jugendakademie. Und Aeham Ahmad wird mit dem internationalen Beethovenpreis für Menschenrechte ausgezeichnet. 

30 Jahre alt wird Aeham Ahmad im kommenden Jahr. Gerade mal 13 Jahre alt ist das „Wunderkind“ Neil Tarabulsi jetzt. Ob sie einander jemals begegnet sind, wissen wir nicht. Aber ihre Geschichten gehen uns, die wir bisher vor nichts und niemandem fliehen mussten, zu Herzen. Sie zeigen uns, dass sich trotz aller Zerstörung noch Wunder ereignen. Und sie halten die Hoffnung aufrecht, dass die Musik, die ihr Leben durchdringt, stärker ist als Krieg und Zerstörung. Damit wahr wird, was Neil als eines seiner Ziele (sinngemäß) verkündete: Gut zu sein, damit auch andere gut, weil glücklich leben.

Weitere Hintergrundinformationen, Interviews und musikalische Kostproben finden Sie hier für Neil Tarabulsi und hier für Aeham Ahmad.

Vielleicht interessiert Sie auch Teil 2 unserer Serie "Menschen, Schicksale, Pianos“ oder der 3. Teil von „Menschen, Schicksale, Pianos

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